Herzogtum Normandie

Das Herzogtum Normandie entstand im Jahr 911 aufgrund des Vertrages von Saint-Clair-sur-Epte zwischen König Karl III. von Westfranken und Rollo, einem Führer der Wikinger. Das Herzogtum Normandie wurde nach seinen Bewohnern, den Normannen, benannt. Von 1066 bis 1204 war es im Besitz der Könige von England, mit Ausnahme der kurzen Herrschaften von Robert Curthose (1087-1106) und Geoffrey Plantagenet (1144-1150).

1202 erklärte Philipp II. von Frankreich seinen Anspruch auf die Normandie und versuchte diesen, 1204 mit Waffengewalt durchzusetzen. Der Konflikt blieb bis zum Vertrag von Paris im Jahr 1259 umstritten, als der englische Souverän seinen Anspruch auf die Normandie aufgab, mit Ausnahme allerdings der Kanalinseln, also der Bailiwicks von Jersey und Guernsey und der dazugehörigen Gebiete (einschließlich z.B. Sark).

Im Königreich Frankreich wurde das Herzogtum Normandie gelegentlich als ein separates Gebiet ausgewiesen, das von einem Mitglied der Königsfamilie regiert wurde. Nach 1469 war sie jedoch dauerhaft mit der königlichen Domäne verbunden, obwohl der Titel des Herzogs der Normandie gelegentlich den jüngeren Mitgliedern der königlichen Familie ehrenhalber verliehen wurde. Der letzte französische Herzog der Normandie in diesem Sinne war Louis-Charles, der den Titel von 1785 bis 1789 inne hatte.

Herzogtum Normandie - Wappen Herzogtum Normandie (zugleich Wappen Wilhelm der Eroberer)

Herzogtum Normandie – Wappen Herzogtum Normandie (zugleich Wappen Wilhelm der Eroberer)

Das Herzogtum der Normandie und seine Ursprünge

Der erste Wikingerangriff auf die Region fand im Jahr 820 statt, als 13 Schiffe die Seine hinauffuhren. Bis 911 war das Gebiet mehrmals überfallen worden und es gab sogar kleine Wikinger-Siedlungen an der unteren Seine. Durch den Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte aus jenem Jahr (dessen Text nicht erhalten geblieben ist, sondern nur durch den Historiker Dudo von Saint-Quentin im 11. Jahrhundert überliefert wurde) kam es zu einer Einigung zwischen dem Frankenreich und den ansässigen Wikingern unter ihrem Führer Rollo. Karl III., König der Westfranken, gewährte den Wikingern einige Ländereien entlang der unteren Seine, die wohl ohnehin schon unter Kontrolle der Nordmänner standen. Rollo seinerseits erkannte Karl als seinen Lehnsherren an und stimmte zu, Angriffe anderer Wikinger abzuwehren sowie mitsamt seinen Männern zum Christentum zu konvertieren. Besiegelt wurde dies alles durch die Heirat Rollos mit Gisela, der unehelichen Tochter Karls III.

In den nächsten beiden Jahrzehnten konnten Rollo und sein Sohn Wilhelm I. genannt Langschwert ihr Herrschaftsgebiet nach Westen zunächst bis zum Fluss Vire ausdehnen, später auch noch über die Landschaft Avranchin und die Halbinsel Cotentin (die vor dieser Halbinsel liegenden Kanalinseln kamen 933 zum Herzogtum Normandie). Diese Gebiete waren zuvor unter bretonischer Herrschaft gewesen. Der Norden der Halbinsel Cotentin war zu diesem Zeitpunkt bereits von anderen Wikingern besiedelt worden, die ihren neuen Herren – obwohl ebenfalls Wikinger – keineswegs freundlich gegenüber standen. Dadurch und aufgrund anderer Ursachen bildete die Normandie in den ersten Dekaden ihres Bestehens kein einheitliches Staatswesen.

Die Besiedlung der Normandie durch die Normannen

Herzogtum Normandie - Entwicklung des Staatsgebietes

Herzogtum Normandie – Entwicklung des Staatsgebietes

Es gab zwei verschiedene Muster der normannischen Besiedlung im Herzogtum Normandie. Im Gebiet von Roumois und Caux vermischten sich die dänischstämmigen Siedler mit der einheimischen gallo-romanisch sprechenden Bevölkerung. Im nördlichen Cotentin hingegen war die Bevölkerung rein norwegisch. So trugen dort Orte an der Küste nordische Namen. Die Norweger könnten sogar ein Thing, also eine Versammlung aller freien Männer, begründet haben, dessen Ort möglicherweise im Namen von Le Tingland erhalten blieb. Innerhalb weniger Generationen nach der Gründung der Normandie im Jahr 911 hatten die skandinavischen Siedler jedoch durch Heirat mit den Einheimischen vermischt und einen Großteil deren fränkischer Kultur übernommen.

Herzogtum Normandie – die Geschichte

Beginnend mit Rollo wurde die Normandie von einer dauerhaften und langlebigen Wikingerdynastie regiert. Rollos Nachfolger Wilhelm Langschwert gelang es, sein Reich zu erweitern, wobei er allerdings in Konflikt mit Arnulf von Flandern geriet, der ihn 942 ermorden ließ. Dies führte zu einer Krise im Herzogtum Normandie, wobei als Regent ein Minderjähriger als Richard I. folgte. Dessen Sohn Richard II. war dann der erste Herzog der Normandie – sein herzoglicher Titel wurde zwischen 987 und 1006 eingeführt.

Die normannischen Herrscher schufen mit dem Herzogtum Normandie bis 1050 das damals mächtigste und am besten konsolidierte Herzogtum Westeuropas. Ein wichtiger Baustein waren hierbei die in jenen Jahren erbauten Klöster und Klosterschulen. Die Herzöge legten den kirchlichen Lehen schwere feudale Lasten auf, womit ein Teil der bewaffneten Ritter des Landes finanziert wurden. Mitte des 11. Jahrhunderts konnte der Herzog der Normandie allein von Seiten seiner kirchlichen Vasallen auf mehr als 300 bewaffnete Ritter zählen.

1066 besiegte Herzog William in der Schlacht von Hastings Harold II. von England und wurde durch die anschließende normannische Eroberung Englands zu dessen König gekrönt (er hatte mehrere Namen: Wilhelm der Eroberer, Wilhelm II. als Herzog der Normandie und schließlich Wilhelm I. als König von England). Die Beziehungen zwischen den Herrscherhäusern der Region wurden nach der normannischen Eroberung kompliziert: Die normannischen Herrscher blieben bezüglich dem Herzogtum Normandie Vasallen des Königs von Frankreich, die ihm die Treue schuldeten, aber als Könige von England waren sie ihm gleichgestellt.

Herzogtum Normandie - Lage innerhalb Frankreich

Herzogtum Normandie – Lage innerhalb Frankreich

Das Herzogtum Normandie blieb bis 1204 Teil des anglo-normannischen Reiches. Dann aber eroberte Philipp II. von Frankreich die auf dem europäischen Festland liegenden Teile des Herzogtums, das Teil der französischen königlichen Domäne wurde. Die englischen Herrscher hielten ihre Ansprüche auf diese Landesteile bis zum Vertrag von Paris (1259) aufrecht, konnten aber in der Realität nur über die Kanalinseln Kontrolle ausüben.